Eine Ansicht des
lehmverputzten Seminarhäuschens beim Einweihungsfest. Lisa Walchers Beschreibung der Bauphase (Foto oben: Lisa Walcher)
Lasttragendes Strohballenhaus in St. Georgen / Kärnten
errichtet während eines Workshops mit Martin Oehlmann in St. Georgen am Längsee, 25 m2 großes lasttragendes Strohballenhaus
Fotos: Herbert Gruber, asbn, Pressefotos verfügbar

Nachdem die Wände gespannt wurden, können die Hilfsgerüste entfernt und der Dachstuhl aufgelegt werden


Hilfssteher an den Ecken und Schnüre von Eck zu Eck helfen, die Wände im Lot aufzubauen


Unter der Fensterbank wie auch zum Steinfundament hin eine regensichere Folie oder Pappe

Die Fensterrahmen werden in die Wand eingesetzt und provisorisch abgestützt


Bericht von Lisa Walcher: Strohballenhaus in St. Georgen
Eine bunt zusammengewürfelte Menschengruppe steht vor einem duftenden Berg Strohballen. Die Stimmung ist gespannt. Aus diesem wackeligen Haufen soll ein Haus entstehen! Das Märchen der drei kleinen Schweinchen geht einigen durch den Kopf. Bekanntlich bläst der böse Wind das einfach gebaute Häuschen um. Der vorangegangene Diavortrag mit Martin Öhlmann hat uns aber eindrucksvoll bewiesen, dass Häuser aus Stroh machbar sind und wie! Auch der letzte Zweifler hat mittlerweile glänzende Augen bekommen.
Stroh ist ein nachwachsender Rohstoff und kann formschön und ausgefallen verarbeitet werden. Jetzt gibt es kein Halten mehr. Die Devise lautet "learning by doing". Das werden wir auch müssen bis auf Martin hat noch keine(r) mit diesem Material Freundschaft geschlossen. Schon am ersten Nachmittag spielt der Wettergott nach eigenen Regeln. Es schüttet wie aus Kübeln. Wir verlassen das vorbereitete Fundament fluchtartig und flüchten ins alte Dachgeschoß des Stiftes St. Georgen. Martin erteilt uns unsere erste und wohl wichtigste Lektion: wer sein Kunstwerk bewohnen will, muss es trocken halten. Schon bei einer Feuchtigkeit von 20% setzen Fäulnisprozesse ein. So ein Komposthaufen ist wertvoll in der Gartengestaltung wir aber wollen ein bewohnbares Resultat.
In der Sicherheit des Dachbodens fachsimpeln Männer und Frauen wegen der Herstellung der "Krone". Sie ist maßgeblich beim Kompressionsverfahren der Strohballenwände. Altes Holz wird gemessen, alte Balken für den Dachstuhl vorbereitet. Auffallend ist aus fraulicher Sicht, wie selbstverständlich Martin und seine Helfer auf unsere Fragen eingehen. Eine angenehme Erfahrung...
Als der Regen nachlässt, wechseln wir erleichtert das Arbeitsfeld manuelle Beschäftigung wirkt wohltuend nach so viel Theorie.
Wir sichern das Betonfundament mit Dachpappe und Bitumen gegen Feuchtigkeit von unten. Am Ende des 1. Tages ragen die Eckpfeiler und der Türstock gut abgesichert gegen den feuerroten Abendhimmel.
Erwartungsvoll beginnen wir den zweiten Tag. Heute sollen die Strohballenwände bis unter den Dachstuhl hochgezogen werden. Wir schleppen die (ziemlich schweren) Strohballen heran und legen sie mauerziegelartig übereinander. Einige lernen, die wuchtigen Ballen mittels Stopfnadel und Pressschnur zu teilen. Andere werden von Martin in der Kunst des "pinnens" unterwiesen. Dabei werden die Strohballenreihen mit Weidenstöcken oder Bambusröhrchen durchbohrt und miteinander verbunden. Ab der dritten Reihe braucht es zunehmend Mut, die schwankende Mauer zu erklimmen und weiter zu bauen.
Schlampigkeitsfehler der ersten Reihen machen sich durch Beulen und Löcher bemerkbar. Wir rücken den Dellen mit losem Stroh, Schaufeln und Fäusten zu Leibe. Auch eine Möglichkeit, angestaute Aggressionen loszuwerden...
Spätestens beim Anfertigen der Krone ist uns klar, dass hier genaues Arbeiten mit dem Rollmeter geboten ist. Die wunderschönen alten Fensterstöcke werden sorgfältig mit der Wasserwaage eingebaut. Sie werden durch pins waagrecht mit den Strohballen verbunden. Mit Höherwerden der Wände entsteht im Häuschen zunehmend eine heimelige Atmopsphäre. Im Inneren hört man die Baustellengeräusche von außen nur mehr ganz leise auch ohne wissenschaftliche Tests ein Beweis für hohe Schalldämmung. Baufehler werden ausführlich besprochen. Hier ist Improvisation und Hausverstand gefragt.
Abends hält Herbert Gruber vom asbn einen Vortrag. Stolz laden wir die Besucher des Vortrages in unsere vier Wände unter funkelndem Sternenhimmel ein. Besucher und "Häuslbauer" sind sich einig, dass es sich auf den zur Rundumbank arrangierten Ballen herrlich von zukünftigen Projekten träumen lässt.
Mit bewundernswerter Ruhe und freundlichem Interesse beantwortet Martin ständig wiederkehrende Fragen. Er beruhigt hinsichtlich Stabilität, Brennbarkeit und Haustierbesiedelung durch Nager. Feuchtigkeitsschutz, Einbautechnik von Strom- und Wasserleitungen werden ebenso oft hinterfragt. Glücklicherweise gibt es schon Studien, die Martins Aussagen untermauern. In dieser Nacht schlafen zwei Kursteilnehmer im Rohbau. Sie werden am nächsten Tag von der Wärme des Schlafplatzes schwärmen die Strohballen haben die aufsteigende Bodenkälte blockiert. Und außerdem, der Duft!!!
Viele Zaungäste stellen sich an diesem letzten Tag ein. Auffallend ist, dass die meisten ihre Beobachterrolle rasch ablegen und kräftig mithelfen. Zusätzlich kommt heute ein Zimmermann, um den Dachstuhl zeitgerecht fertig zu stellen. Ein Satteldach aus alten Dachbalken wird schon seit Kursbeginn vorbereitet. Männer und Frauen wechseln sich bei den kräfteraubenden Tätigkeiten ab. Da wird geschliffen, gehämmert und gebohrt. Breite Bänder werden um die Strohballen geschlungen, die nun sechs Reihen hoch aufragen. Mit Hilfe einer Ratsche wird die Wand komprimiert. Das Haus erhält zunehmend Halt. Die gepressten Wände werden mit Paketschnur vertikal und diagonal verschnürt. Geht man neugierig dem Geräusch einer Heckenschere nach, findet man emsige Arbeiter, die die Wände innen und außen rasieren.
Extreme Hitze auf der Baustelle und körperliche Arbeit fordern ihren Tribut. Immer öfter werden Pausen im Schatten eingelegt. Hilfreiche Geister unterstützen uns in den letzten Stunden mit Erfrischungen und herrlichem Gemüse und Beeren aus dem Permakulturgarten. Der unermüdliche Einsatz von Martin spornt uns aber immer wieder an, weiterzumachen. Und dann ist er da, der feierlichste Moment dieses Tages. Drei kräftige Männer heben die Lärchenbalken für den Dachstuhl auf das Häuschen. Am Ende des Tages und leider auch am Ende des workshops erhebt sich ein imposanter Dachstuhl auf unserem Kunstwerk. Unsere Kleidung ist strohbedeckt, wir sind überhitzt und hundemüde aber stolz auf unser Werk.
Zur "Dachgleiche" genießen wir einen wunderbaren Wein. Dabei wünschen wir dem Haus und seinen zukünftigen Benutzern schriftlich das Allerbeste. Die Zeilen landen in der Flasche und werden in einer Ecke des Hauses vergraben.
An diesem Wochenende lernten wir alle, wie wichtig Improvisation ist. Unser Haus erhielt gerade durch kleine Pannen einen ganz eigenen Charme. Kurzfristig galt es, kreative Lösungen für menschliche Fehler zu finden. So ein "Hausbau mit Hausverstand" kann helfen, genormte, anerzogene Grenzen zu verschieben und zu überdenken. Als der Tag zu Ende geht, sind wir alle traurig, dass wir uns trennen müssen. Wir haben sehr gerne zusammen gearbeitet aus dem bunten Haufen entwickelte sich eine ausgeglichene, lernfähige und engagierte Gruppe.
Es wird wichtig sein, den Kontakt innerhalb der Menschen des workshops aufrecht zu erhalten. Daraus könnte ein konstruktives Netzwerk entstehen. Angesichts der ökologischen Notwendigkeit, nachwachsende Rohstoffe einzusetzen, ist das ohnehin ein Gebot der Stunde!
Nachsatz: Unser Haus hat im Laufe des Jahres 1999 noch ein lebendes Dach bekommen. Drei Lehmputzschichten innen und au—en strahlen sehr viel Natürlichkeit aus. Kupferfensterbleche funkeln, Holzverschalung unter dem Dach vervollständigt das harmonische Bild. Im Frühjahr 2000 kam noch ein Stöcklboden ins Meditationshaus beim anschließenden ersten Fest trafen sich Teilnehmer und Besucher und feierten ausgiebig.
Lisa Walcher (w.lisa@happynet.at)
